Sucht, Segen, Skepsis: Kleiderkreisel

 

Kleiderkreisel-App
Stöbern im Kleiderkreisel-Katalog; Dank der App sogar unterwegs möglich

Kleiderkreisel hat Tauschen und Secondhand ganz groß raus gebracht. Ich denke, das kann ich behaupten, ohne es mit Statistiken belegen zu können. Mich selbst hat es überhaupt erst auf den Gedanken gebracht, mit meinen Klamotten, die selten Tageslicht sehen, noch etwas anfangen zu können. Die Online-Plattform erreicht Stückzahlen, die die von Amazon übersteigen, hat mir die österreichische Bloggerin Maria Ratzinger erzählt.

Ich habe vor etwa einem Jahr, also relativ spät, von Kleiderkreisel erfahren. Freundinnen berichteten mir begeistert, wie sie ihre Klamotten aussortierten, Fotos machten, Päckchen packten und stundenlang im Kleiderkreisel-Katalog stöberten. Ich war skeptisch. Online-Shopping mochte ich noch nie, ich mag Einkaufen mit allen Sinnen. Und ich wusste weitaus Besseres mit meiner Zeit anzufangen. Doch dann war da dieser Klamottenberg. Und kaum hatte ich mich angemeldet, war ich hochgradig süchtig. Tagelang habe ich meine Fotos optimiert, Beschreibungen hinzugefügt, Tauschlustige gesucht und zweifellos zu wenig geschlafen. Meine Käufe, Verkäufe und Tauschgeschäfte waren bis auf wenige Ausnahmen sehr erfolgreich.

Juhuu, Post von Kleiderkreisel!
Juhuu, Post von Kleiderkreisel!

Heute, nach einem Jahr, hat sich meine Sucht auf ein Normalmaß eingependelt und ich kann die Online-Community mit kritischen Augen betrachten. Ich bewundere den Einfluss von Kleiderkreisel: Es kann nicht nur fast jeder etwas mit dem Wort anfangen, es wurden sogar neue Begriffe erfunden: Wenn man bei Kleiderkreisel etwas kauft oder tauscht, hat man etwas “erkreiselt”. Die vornehmlich weiblichen Mitglieder nennen sich “Kreislerinnen”.

Andererseits fällt schon beim ersten Blick auf die Startseite auf, dass sich im Forum die seltsamsten Themen, die häufig nichts mehr mit Mode zu tun haben, tummeln. Möchte ich wirklich wissen, warum Sandri91 zögert, mit ihrem Freund Schluss zu machen? Oder meine Zeit damit verbringen, auf die Aufforderung „Kommentiere das Bild deines Vorposters!“ zu reagieren? – Nein, ich denke nicht.

Dabei ist der gesamte Auftritt von Kleiderkreisel unverändert liebevoll und schön gestaltet. Die Handhabung des Profils mit seinen Funktionen ist praktisch und selbsterklärend. Auch die Möglichkeit, anderen Mitgliedern zu folgen und diese zu bewerten, ist ein großer Pluspunkt, der bei einer ansonsten mangelnden Möglichkeit, sich vor Betrug zu schützen, viel Vertrauen schafft. Doch meiner Erfahrung nach wird auf Kleiderkreisel sowieso sehr wenig betrogen.

"Erkreiselt": Rote Ballerinas von Buffalo London - mit sichtbaren Gebrauchspuren, trotzdem Lieblingsschuhe geworden
„Erkreiselt“: Rote Ballerinas von Buffalo London – mit sichtbaren Gebrauchspuren, trotzdem Lieblingsschuhe geworden

Der Hauptgedanke von Kleiderkreisel war konsumkritisch. Derzeit ist die Botschaft hinter dem Projekt nur sehr schwer zu finden, nämlich unter dem winzigen Punkt “Presse” ganz unten auf der Seite. Dort heißt es:

Deutschlands größte Kleidertausch-Plattform bietet die perfekte Gelegenheit, um Kleidungsstücken und Accessoires einen zweiten Frühling zu bescheren und darüber hinaus durch gemeinsames Nutzen – Collaborative Consumption – gegen verschwenderischen Konsum zu kämpfen

und

Kleiderkreisel verbindet zeitgemäßes Vintage-Shopping mit einer unverkrampften Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit, spart Ressourcen und kann bereits mit über 1 Million Mitgliedern glänzen! Und täglich werden es mehr, die ihren Fokus auf das clevere Benutzen anstatt Besitzen richten.*

Soweit sehr vorbildlich, finden wir. Allerdings haben wir immer mehr beobachtet, dass viele Mitglieder es mit der Gewinnabsicht zu weit treiben. Ein gebrauchter H&M-Cardigan für 10 Euro? Das finden wir übertrieben und es zeugt davon, dass es der Besitzerin hauptsächlich darum geht, möglichst viel Geld aus ihren alten Klamotten zu schlagen. Außerdem wird immer weniger getauscht. Das war nie der Hauptgedanke von Kleiderkreisel. Die Betreiber können nichts für diese Entwicklung, sie scheinen dem aber auch nicht aktiv entgegenzusteuern. Warum sollten sie auch, schließlich läuft ihr Geschäft wie am Schnürchen.

Kleiderkreisel steht damit vor demselben Konflikt wie 7kleiderleben: Wir wollen eine gewisse Einstellung vermitteln und zum kritischen Denken über Besitz anregen, können (und wollen) es aber auch nicht verhindern, dass die Kundinnen einfach nur schöne Sachen ergattern und für die eigenen Kleider möglichst viel Gegenwert bekommen wollen.

Bei aller Kritik wollen wir nicht versäumen, zu betonen, dass Kleiderkreisel ein toller Treffpunkt für Gleichgesinnte ist, die sich für Mode und Second Hand interessieren. Im Forum werden auch private Tauschpartys geplant, was uns sehr ermutigt hat, dass 7kleiderleben überhaupt auf Interesse stoßen könnte. Den Blog, bei dem jeder mitschreiben kann, finden wir ebenfalls toll, da man sich dort gut ausprobieren kann für die wilde Bloggerwelt da draußen.

Ihr seht: Für 7kleiderleben ist Kleiderkreisel gleichzeitig Vorbild, Negativ-Beispiel und Konkurrent. Wir wollen uns nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dass wir es auf jeden Fall besser machen werden. Doch wir möchten uns abgrenzen – unter anderem dadurch, dass bei uns Marken keine Rolle spielen. Dein Oberteil ist von Kaviar Gauche? Schön. Doch auch an dem Zara T-Shirt haben flinke Finger gearbeitet, die wir würdigen wollen. Alles, was produziert wurde, hat einen Wert.

Und, nicht zuletzt: Wir tauschen im Real Life. Nicht jeder einsam vor seinem Laptop, sondern in einer tollen Location, mit cooler Musik, Getränken und vielen Gleichgesinnten. In puncto Erlebnis schlagen wir Kleiderkreisel also auf jeden Fall! 😉

Was haltet ihr von Kleiderkreisel? Was wünscht ihr euch für unsere 7kleiderleben-Veranstaltung? Haut eure Gedanken raus!

Eure

Britta

 

*Quelle: externwww.kleiderkreisel.de/presse

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